Eine Gewohnheit aufbauen: Was von den „66 Tagen“ übrig bleibt

21 Tage, heißt es. Oder 66. Oder 30, je nachdem, welchen Kalender man aufschlägt. Wenn man wissen will, wie lange es dauert, bis etwas zur Gewohnheit wird, lohnt sich ein Blick in die Studie, aus der die meisten dieser Zahlen stammen, denn sie sagt etwas anderes als ihre Zusammenfassungen.
Die Studie hinter der Zahl
Phillippa Lally und ihr Team an der University College London ließen 96 Freiwillige zwölf Wochen lang protokollieren, wie automatisch sich ein selbstgewähltes Verhalten anfühlte: ein Glas Wasser zum Mittagessen, eine Viertelstunde Joggen nach dem Frühstück, Obst am Nachmittag. Im Mittel dauerte es 66 Tage, bis das Verhalten sein Plateau an Automatik erreichte. Das ist der Median. Die Spanne war riesig: von 18 bis zu 254 Tagen, wobei letzteres über den Beobachtungszeitraum hinaus geschätzt wurde.
Die 66 sind also ein Durchschnitt, kein Versprechen. Einfache Dinge (ein Glas Wasser) saßen schneller, aufwendige (Sit-ups vor dem Frühstück) brauchten länger. Und wer einmal einen Tag ausließ, verlor dadurch nach den Daten nicht nennenswert an Fortschritt. Das ist vielleicht die tröstlichste Zeile der ganzen Arbeit.
Was daraus folgt
Plane kleiner. Eine Gewohnheit, die fünf Minuten kostet, ist leichter zu halten als eine, die eine Stunde verlangt. Das klingt nach einer Plattitüde, ist aber die einzige Stelle, an der du wirklich etwas steuerst.
Häng sie an einen Anker. „Nach dem Kaffee“ funktioniert besser als „irgendwann am Vormittag“. Der Anker sorgt dafür, dass du nicht jeden Tag neu entscheiden musst.
Verpasste Tage sind Daten, keine Katastrophen. Der Plan „jeden Tag, sonst ist alles verloren“ scheitert am ersten Zahnschmerz. Der Plan „an den meisten Tagen“ übersteht ihn.
Erwarte keine Euphorie. Der Wunsch, dass man sich beim Üben gut fühlt, ist verständlich. Viele Gewohnheiten fühlen sich aber im dritten Monat nur noch neutral an, und das ist genau das Ziel: Sie müssen nicht mehr gefühlt werden.
Zeitwohlstand statt Zeitdruck
Man begegnet in letzter Zeit dem Wort Zeitwohlstand: das Gefühl, über die eigene Zeit verfügen zu können, statt von ihr getrieben zu werden. Es wirkt zunächst gegensätzlich zu einem „Daily“, einem täglichen Termin mit sich selbst. Aber es ist eher das Gegenteil: Eine kleine feste Zeit, die dir gehört und an der du nichts optimieren musst, ist eine der wenigen Formen von Zeitwohlstand, die sich im vollen Alltag herstellen lassen. Es kommt darauf an, was in diese Zeit hineinkommt. Wenn es ein Feed ist, der dich weitertreibt, hast du nichts gewonnen. Wenn es etwas ist, das einen Anfang und ein Ende hat, schon.
Warum Wandern ein gutes Bild ist
Wer eine Mehrtagestour plant, denkt nicht in Gipfeln, sondern in Etappen. Heute bis zur Hütte, morgen bis zum Pass. Niemand wandert die ganze Strecke an einem Tag, und niemand gibt auf, weil gestern Regen war. Eine Etappe hat einen Anfang, einen Schluss und ein Abendessen am Ende. Genau diese Form eignet sich für Gewohnheiten: klein genug, um sie heute zu schaffen, klar genug, um zu wissen, wann sie fertig ist, und wiederholbar, ohne dass jemand zählen muss.
Daran hängt auch, wie wir Smartigo gebaut haben: eine Etappe am Tag, nicht mehr. Die Karte wartet auch bis morgen.
Eine Übung: Dein Anker
Nimm einen Zettel. Schreibe auf:
- Etwas, das du jeden Tag ohnehin tust (Zähneputzen, Kaffee, Bahn).
- Eine Handlung, die höchstens fünf Minuten dauert und dich ein bisschen fordert.
- Den Satz: „Nach … mache ich …“
Hänge den Zettel an den Spiegel oder an die Kaffeemaschine. Und dann gilt für die ersten zwei Wochen nur eine Regel: Es darf klein sein. Dass es schlechter wird, wenn du es klein hältst, ist ein Irrtum. Es wird eher regelmäßiger.
Was die Fünf-Minuten-Größe anbelangt, haben wir die Überlegung ausführlich in Fünf Minuten Anstrengung aufgeschrieben. Und wenn dein Problem eher die Ablenkung ist als das Dranbleiben, hilft vielleicht Konzentration verbessern.
Wenn es nicht klappt
Es wird Tage geben, an denen es nicht klappt, und mindestens eine Woche, in der du es völlig vergisst. Das ist normal und keine Prüfung deines Charakters. Entscheidend ist, was danach passiert. Viele Menschen machen aus einem verpassten Tag eine Geschichte: „Jetzt habe ich es wieder nicht geschafft, es hat ja doch keinen Sinn.“ Dabei war es ein Tag.
Hilfreich ist eine Regel, die in Ratgebern als „niemals zweimal hintereinander auslassen“ beliebt geworden ist. Sie ist nicht wissenschaftlich bewiesen, aber sie ist ein gutes Gedankenspiel: Ein verpasster Tag ist eine Ausnahme, zwei sind der Anfang eines neuen Musters. Wenn du am Tag danach wieder einsteigst, und sei es mit der kleinstmöglichen Version, hast du das Muster gebrochen, bevor es sich festsetzt.
Und falls es doch länger dauert: Fang an der gleichen Stelle wieder an, nicht von vorn. Der Weg bis zur Hütte hat nicht aufgehört zu existieren, nur weil du einen Tag im Tal geblieben bist.
Noch eine Beobachtung zum Schluss. Gewohnheiten, die einen sichtbaren Abschluss haben, halten sich besser als solche, die nur „irgendwie weiterlaufen“. Ein Haken im Kalender, ein Stempel auf der Karte, ein Strich auf dem Zettel: Dass etwas fertig ist, darf man ruhig spüren. Das ist kein Kinderkram, sondern die einfachste Form von Rückmeldung, und viele Erwachsene bekommen davon im Alltag erstaunlich wenig.
Smartigo nennt die Tage, an denen du gewandert bist, „Wandertage“, und zählt sie, statt Lücken zu bestrafen. Die Grundfunktionen sind kostenlos.