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Reibungslos ist nicht harmlos

3. Oktober 2026 · 5 Min. Lesezeit

Ein Wanderweg an einem Bergsee mit einem Holzwegweiser

Wann hast du zuletzt eine App benutzt, die dich aufgehalten hat? Die gefragt hat: „Bist du sicher?“, „Willst du es nicht erst selbst versuchen?“, „Moment, was denkst du?“

Genau. Das passiert so gut wie nie. Und das ist Absicht.

Das Gebot der Reibungslosigkeit

In der Produktentwicklung gibt es ein Dogma, das so selbstverständlich ist, dass man es kaum noch hört: Reduziere Reibung. Jeder Klick weniger, jeder Schritt kürzer, jede Entscheidung abgenommen. Wer das gut macht, bekommt mehr Nutzer, mehr Umsatz und bessere Bewertungen.

Und aus Sicht eines einzelnen Moments stimmt das ja auch. Niemand will zwölf Schritte für einen Kauf. Niemand will beim Login raten, welches Passwort es diesmal war.

Das Problem entsteht erst, wenn man es hochrechnet: auf Jahre, auf Hunderte Apps, auf alle Lebensbereiche gleichzeitig. Dann ist nichts mehr schwer. Weder das Bestellen noch das Finden, nicht das Erinnern und auch nicht das Entscheiden. Der ganze Alltag läuft auf Gleitschienen.

Warum Widerstand ein Werkzeug ist

Lernforscher wie Robert Bjork sprechen von erwünschten Schwierigkeiten (desirable difficulties). Die Grundidee: Dinge, die sich beim Lernen etwas mühsam anfühlen, bleiben besser hängen. Das Gehirn legt Gelerntes tiefer ab, wenn es dafür arbeiten musste.

Ein bekanntes Beispiel ist das Abrufen. In einer klassischen Studie von Roediger und Karpicke (2006) schnitten Menschen, die sich einen Text nach dem Lesen aus dem Gedächtnis abfragten, nach einer Woche deutlich besser ab als Menschen, die ihn mehrfach nur wieder lasen. Das zweite fühlte sich leichter an. Das erste hat funktioniert.

Das ist die unbequeme Wahrheit hinter fast allem, was wir gut können: Das Gefühl von Leichtigkeit und der Effekt von Lernen sind zwei verschiedene Dinge. Manchmal laufen sie gegeneinander.

Eine Rolltreppe bringt dich nach oben. Aber sie hat noch nie jemandem Beine gemacht.

Wo man Reibung vermisst

Beachte, was wir hier nicht fordern. Niemand will das Banking-Formular komplizierter machen. Reibung ist kein Wert an sich, sie ist nur dort wertvoll, wo wir selbst etwas daraus gewinnen.

Fragen, an denen man das prüfen kann:

Falls die Antwort „weiß ich gar nicht mehr“ lautet, ist das keine Schande. Es ist ein Hinweis darauf, dass dieser Platz in vielen Leben leer geworden ist, und dass ihn nichts anderes füllt.

Kleine Gegenbewegung

Es braucht dafür keine große Geste. Es genügt, ein paar kleine Dinge mit Absicht schwerer zu machen: den Weg einmal ohne Navi zu suchen, die Summe an der Kasse im Kopf zu rechnen, sich die Einkaufsliste vor dem Losgehen noch einmal laut vorzusagen.

Das ist unspektakulär. Und es funktioniert nur, wenn man es regelmäßig tut. Genau daran scheitern die meisten guten Vorsätze: nicht an der Idee, sondern daran, dass nichts uns erinnert, nichts uns belohnt, und die bequeme Alternative immer schon in der Hosentasche liegt.

Wir bauen gerade an einem Ort für genau diese kleine Gegenbewegung.

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