Der Tag, an dem du nichts mehr behalten musstest

Weißt du noch, wie viele Telefonnummern du früher auswendig konntest? Die der besten Freunde, der Eltern, vielleicht die eines Pizzadienstes. Und jetzt: Wie viele sind es heute?
Die ehrliche Antwort lautet bei den meisten: ungefähr eine. Die eigene. Vielleicht.
Das ist kein Drama. Es ist ein Umzug. Wir haben Dinge aus dem Kopf ins Telefon verlagert, weil das Telefon sie nie vergisst, immer dabei ist und nicht müde wird. Wer wollte da widersprechen?
Ein Umzug, über den niemand abgestimmt hat
Das Bemerkenswerte ist nicht, dass wir ausgelagert haben, sondern wie leise es geschah. Es gab keinen Tag, an dem jemand beschloss: „Ab heute merke ich mir keine Wege mehr.“ Es gab nur einen Abend, an dem das Navi zum ersten Mal sicherer war als das eigene Gefühl, und dann einen weiteren Abend, an dem man es gar nicht erst versuchte.
Die Forschung nennt das kognitives Auslagern. Gemeint ist ganz allgemein, dass wir Werkzeuge nutzen, um geistige Arbeit nicht selbst leisten zu müssen. Eine Einkaufsliste ist kognitives Auslagern. Ein Knoten im Taschentuch auch. Das ist uralt und völlig vernünftig.
Interessant wird es, wenn das Werkzeug so gut wird, dass wir aufhören, die Fähigkeit dahinter zu üben.
Was wir über das Wiederfinden wissen
2011 veröffentlichten Betsy Sparrow und Kolleginnen eine viel zitierte Studie: Wer erwartet, dass Informationen später noch abrufbar sind, merkt sich eher wo sie stehen als was dort steht. Das Gehirn ist pragmatisch. Es spart, wo es sparen kann.
Wichtig ist, was daraus nicht folgt. Es folgt nicht, dass wir dümmer werden. Es folgt nur, dass wir uns auf das konzentrieren, was gebraucht wird, und das ist heute oft: wissen, wo man nachschaut.
Spannender finde ich eine zweite Beobachtung. Bei Menschen, die sehr viel mit Navigationsgeräten fahren, zeigen Untersuchungen im Schnitt ein schwächeres räumliches Gedächtnis. Ob das Navi die Ursache ist oder ob Menschen mit schwächerem Orientierungssinn eher zum Navi greifen, lässt sich aus solchen Daten nicht sicher sagen. Plausibel ist beides, und vermutlich verstärken sich die beiden Richtungen gegenseitig.
Was man nicht mehr braucht, verlernt man nicht von heute auf morgen. Man verlernt es in Zehntelschritten, und jeder einzelne fühlt sich nach nichts an.
Der Moment, in dem es auffällt
Meist merkt man es nicht im Alltag, sondern an der Kante des Alltags: Der Akku ist leer, und man steht in einer fremden Stadt. Man soll eine Rechnung überschlagen und greift automatisch zum Telefon, obwohl die Zahlen klein sind. Man will jemandem ein Gedicht, einen Witz, ein Rezept erzählen und stellt fest, dass man nur noch weiß, wo es steht.
Das Gefühl dabei ist selten Panik. Es ist eher ein kleiner, ungewohnter Stich. Ein „Hm. Früher konnte ich das mal.“
Keine Moralpredigt
Wir wollen hier niemanden zurück in die Zeit vor dem Smartphone schicken. Das Telefon ist ein großartiges Werkzeug, und wer seine Wege dem Navi überlässt, macht nichts falsch.
Aber es lohnt sich, eine Frage ehrlich zu stellen: Welche Fähigkeiten gebe ich gerade stillschweigend auf, und welche davon hätte ich eigentlich gern behalten?
Denn der Unterschied zwischen „ich brauche das nicht“ und „ich kann das nicht mehr“ ist größer, als er sich anfühlt. Der erste Zustand ist eine Entscheidung. Der zweite ist etwas, das uns passiert ist.
- Eine Telefonnummer hat man nicht verlernt, weil sie nicht mehr gebraucht wurde, sondern weil nie wieder jemand danach gefragt hat.
- Einen Weg findet man nicht mehr, weil er nie wieder ohne Hilfe gegangen wurde.
- Ein Kopfrechenschritt klemmt, weil er seit Jahren ein Taschenrechner-Schritt ist.
Das sind keine Defekte. Das sind Muskeln, die wir weniger benutzen. Und bei Muskeln weiß jeder, was passiert.
Wir arbeiten an etwas, das genau diese Frage ernst nimmt. Nicht streng, nicht belehrend.