Gehirnjogging: Was bringt es wirklich?

Es gibt Aussagen über Gehirnjogging, die in Werbung und Ratgebern so oft vorkommen, dass man sie für gesichert hält. „Trainiert die Intelligenz.“ „Beugt dem Altern vor.“ Schauen wir einmal nach, was in den Studien steht und was nicht.
Was weitgehend unstrittig ist
Wer eine Aufgabe übt, wird in dieser Aufgabe besser. Das gilt für Kopfrechnen, für Sudoku, für ein Gedächtnisspiel. Selbst die Skeptiker bestreiten das nicht. Ein großer Überblick von Simons und Kollegen (2016) kam zu dem Schluss, dass es breite Belege für Verbesserungen in der trainierten Aufgabe gibt, weniger für nah verwandte Aufgaben und nur wenige für weit entfernte Alltagsleistungen.
Die Frage ist also nicht, ob Üben etwas bringt. Die Frage ist, wohin es wirkt.
Was umstritten ist: der Transfer
Der Streit dreht sich um den Transfer. Verbessert das Training eines Gedächtnisspiels auch das Gedächtnis beim Einkaufen? Auf der einen Seite stehen Forschungsgruppen um Giovanni Sala und Fernand Gobet, die in mehreren Metaanalysen zu dem Schluss kommen, dass der Fern-Transfer im Mittel null oder sehr klein sei, wenn man Studienqualität und Placebo-Effekte kontrolliert. Auf der anderen Seite gibt es Arbeiten, die in ihren Daten durchaus Effekte sehen, und sie führen an, dass bessere Studien eher größere Effekte zeigen. Wer recht hat, hängt auch davon ab, wie man Studienqualität, Kontrollgruppen und Veröffentlichungsverzerrung gewichtet.
Als Nicht-Experten können wir das nicht entscheiden. Aber wir können die vorsichtige Lesart ehrlich benennen: Nahe Übertragung ist plausibel, ferne Übertragung ist unsicher, und große Versprechen sind nicht gedeckt.
Und die „digitale Demenz“?
Der Begriff stammt aus einem Buch von 2012 und ist hängengeblieben, weil er sich so gut anfühlt. Dass ein Telefon, das uns alles abnimmt, auch etwas mit uns macht, ist keine unvernünftige Vermutung, und wir haben selbst darüber geschrieben (Reibungslos ist nicht harmlos). Aber als Behauptung, dass Bildschirme eine Krankheit auslösen, ist die These deutlich schärfer als die Datenlage, die ich kenne. Studien zu Bildschirmzeit und Denkleistung zeigen ein gemischtes Bild, und Zusammenhänge sind noch lange keine Ursachen. Es ist denkbar, dass wir etwas verlieren, wenn wir nichts mehr selbst merken, rechnen oder suchen. Es ist nicht belegt, dass es so dramatisch ist, wie der Name klingt.
Unsicher heißt nicht egal. Es heißt, dass man ruhig bleiben darf und trotzdem etwas tun kann.
Woran du ein seriöses Angebot erkennst
- Es verspricht nicht mehr, als es weiß. „Steigert Ihren IQ um 10 Punkte“ ist eine Warnung, kein Verkaufsargument. Gleiches gilt für alles mit „beugt Demenz vor“.
- Es übt etwas, das du wirklich brauchst. Rückgeld, Preise, Wege, Fristen, verdächtige Nachrichten: Das ist nahe an deinem Leben, und dort ist der Gewinn am wahrscheinlichsten.
- Es macht dir Appetit, kein schlechtes Gewissen. Ein Streak, der dich bestraft, wenn du einmal ausfällst, ist ein Geschäftsmodell, kein Training.
- Es ist kurz. Wenn es ein Stundenprogramm braucht, wird es im Alltag nicht überleben.
Eine nüchterne Rechnung
Nehmen wir an, die pessimistischste Lesart stimmt und es gibt keinen Fern-Transfer. Du hast dann fünf Minuten am Tag investiert, um bei Rabatten, bei Fristen und beim Merken etwas sicherer zu werden. Du hast also im Schnitt etwas getan, das du ohnehin brauchst, und es hat dich nicht viel gekostet. Nehmen wir die optimistische Lesart. Dann kommt etwas dazu. In beiden Fällen ist die Frage nicht „Lohnt sich das?“, sondern „Macht es mir Freude genug, dass ich es mache?“
Das ist unspektakulär, aber es ist ehrlich. Mehr zur Idee dahinter steht in Fünf Minuten Anstrengung.
Eine kleine Probe
Bevor du das nächste Mal eine App für „Gehirntraining“ öffnest, frage dich: Was genau wird hier geübt, und wo im Leben brauche ich das? Wenn die Antwort „nirgends, aber es sieht nach Neurowissenschaft aus“ lautet, hast du schon alles verstanden.
Was Bewegung damit zu tun hat
Wer ehrlich über Gehirntraining schreibt, kommt an einem unbequemen Punkt nicht vorbei: Die Maßnahmen mit der besten Datenlage für das Denken sind nicht digital. Regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und soziale Kontakte gehören in Übersichtsarbeiten immer wieder zu den Faktoren, die mit besserer geistiger Fitness zusammenhängen. Auch hier ist Vorsicht angebracht, denn Zusammenhang ist keine Ursache, und gesunde Menschen bewegen sich vielleicht einfach öfter. Aber als Ausgangspunkt ist es ehrlicher als jedes Spiel.
Daraus folgt keine Absage an Denkaufgaben. Es folgt, dass ein Rätsel kein Ersatz für einen Spaziergang ist, und umgekehrt. Beides zusammen ist zumindest plausibel besser als jedes für sich. Es ist vielleicht kein Zufall, dass wir Smartigo als Wanderkarte gebaut haben: Wer fünf Minuten nachdenkt und danach eine Runde um den Block geht, hat an diesem Tag ziemlich viel richtig gemacht.
Wenn also jemand nach der „besten“ Gehirntraining-App fragt, ist die ehrlichste Antwort: Es hängt davon ab, ob sie dich zum Weitermachen bringt, ohne dir etwas vorzumachen. Und die zweitehrlichste: Geh heute noch raus.
Noch ein praktischer Gedanke zur Dosierung. Die Forschung zu Lernen und Üben spricht dafür, lieber oft und kurz zu üben als selten und lang. Zehn Minuten an sechs Tagen sind für fast jede Fähigkeit besser als eine Stunde am Sonntag. Das ist keine Besonderheit von Denkspielen, sondern gilt fürs Vokabellernen genauso wie fürs Klavier. Wer das beherzigt, braucht kein Programm mit Wochenplan und Fortschrittsbalken. Ein fester Zeitpunkt und eine Aufgabe, die gerade eben schwer genug ist, reichen aus.
Smartigo übt, was wir im Alltag brauchen, und verspricht dafür nichts, was die Forschung nicht hergibt. Die Grundfunktionen sind kostenlos.